Geschrieben von Maximilian Vogt
Bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung am 19.4.2000 mußte ich feststellen, daß viele Mitglieder des AltmuehlNets wenig bis keine Ahnung von Vorgängen beim Transport von E-Mail und dem Krieg, der vor einigen Jahren in diesem Umfeld begonnen hat, haben. Sie geben statt dessen der Netztech GmbH, dem momentanen Provider des AltmuehlNets, die Schuld an gewissen Einschränkungen, die durch die allgemein üblichen Schutzmaßnahmen entstehen. Diese Schutzmaßnahmen müßte aber auch jeder andere Provider für uns umsetzen, wenn er die Funktion des E-Mail Dienstes sicherstellen will.
Doch wenn ich jetzt schon von Schutzmaßnahmen schreibe, greife ich zu weit vor. Diese bunte Geschichte mit farblosen Bildern (damit die Übertragung schneller geht) beschreibt in vereinfachter Form die heutige Lage im E-Mail Transport und wie wir dorthin gelangten.
Am Anfang war:
Das Usenet ist nicht das Internet und man überträgt auch keine E-Mails über das Internet.
Das Usenet ist das Transportmedium für E-Mail und News. (Wer News noch nicht kennt: Das ist so etwas wie E-Mail an Themengebiete. Weltweit jeder kann dann in dem Themengebiet, der Newsgroup, mitlesen und was dazuschreiben.)
Entstanden ist das Usenet, als sich die Betreiber verschiedener Computer dazu entschlossen, regelmäßig Datenverbindungen herzustellen, um E-Mails auszutauschen. Es basiert nicht auf dem Internet, sondern hat sich als Konzept nebenher entwickelt.
Heutzutage, wo scheinbar der meiste öffentliche Datenverkehr über das Internet fließt, findet natürlich auch der hauptsächliche Datenfluß des Usenets über das Internet statt, es gibt aber trotzdem noch reichlich Mailbox-Systeme und UUCP-Netze, die Teil des Usenets sind obwohl sie keinen direkten Internetanschluß haben.
Anders formuliert besteht das Usenet aus allen Computern, die Teil des erdumspannenden Transportnetzes für E-Mail und News sind.
Um über das Usenet E-Mails transportieren zu können, müssen seine Computer zweierlei Arten von Diensten leisten:
Der Absender übergibt seine E-Mail an ein E-Mail Gateway, das anhand der Adreßdaten entscheidet, wie sie weitergeleitet werden muß und am Ende (wenn kein Fehler auftritt) erreicht die E-Mail über das Usenet die Mailbox des Empfängers.
Im einfachsten Fall befinden sich beide E-Mail Dienste (Gateway und Mailbox) auf demselben Rechner, wenn z.B. zur Anfangszeit des AltmuehlNets ein Mitglied einem anderen eine E-Mail schickte, so war damals der Transport vom Gateway (smtp alias Pflaume) zur Mailbox (pop alias Pflaume) nur eine Kopieraktion zwischen RAM und Festplatte.
Der nächstkompliziertere Fall ist, daß das Gateway, bei dem man seine E-Mail eingereicht hat, eine direkte Verbindung zu dem Computer aufbauen kann, auf dem der Mailbox-Dienst des Empfängers betrieben wird. Doch so einfach ist es meistens nicht...
Häufig sind einige bis viele andere Computer mit ihrem Gateway-Dienst am E-Mail Transport beteiligt. Und welche oder wenigstens wieviele kann man auch nicht immer sicher sagen, da viele Leute ihre Systeme so konfiguriert haben, daß bei Ausfall oder Überlastung eines Computers andere die Aufgaben übernehmen.
Da die E-Mails beim Transport über die fremden Gateway-Rechner kurzzeitig darauf gespeichert werden müssen, entstehen daraus zwei Probleme:
Eine schöne Sache an der E-Mail ist, daß man beim Versenden einer E-Mail mehrere Adressaten erreichen kann.
Beim Transport über das Usenet wird die E-Mail nicht immer gleich beim einspeisenden Gateway in mehrere identische Kopien mit unterschiedlichen Zielen aufgespalten. Sie wird statt dessen so weit als möglich in geringer Anzahl transportiert und erst dicht vor dem Ziel vervielfältigt. Das kann so weit gehen, daß man eine E-Mail mit Hunderten an Empfängern losschickt, die als einzelnes Exemplar über das Usenet wandert und erst auf dem Rechner mit dem Mailbox-Dienst (auf dem all diese Empfänger ihre Mailbox haben) eine wilde Kopier-Orgie beginnt.
Doch nun Schluß mit lustig.
"Spam" steht für Sülze. Ein "Spammer" ist damit jemand, der Gesülze von sich gibt; einen mit etwas voll labert, was man gar nicht hören will.
Was das ganze mit E-Mail zu tun hat? Nun, damit hat es angefangen. Ein paar Spammer, die in den Newsgroups ihre
immer und immer wieder auf die gepeinigte Leserschaft losließen.
News haben da einen Vorteil: Man muß nicht mitlesen, man kann sogar gezielt die Botschaften von mißliebigen Zeitgenossen herausfiltern, so daß man nie wieder etwas von ihnen liest.
Das haben die Spammer auch kapiert und sind auf etwas viel persönlicheres verfallen: E-Mail.
Doch hat da E-Mail wieder den Nachteil, daß man nur denjenigen erreichen kann, dessen Adresse man kennt. Die erste große Fundstätte von E-Mail Adressen waren die News. Jeder, der je einen Artikel in den News veröffentlicht hat wurde potentielles Opfer.
Das mußte ich leider selbst feststellen, als ich regelmäßig eine E-Mail über für Selbstabholer besonders günstiges Druckerzubehör erhielt. Die Adresse war natürlich in den USA und nicht zu vergessen der Hinweis: "We do not ship to foreign countries except Canada."
Die Gemeinschaft im Usenet konnte sich anfangs noch gegen die Spammer wehren, indem sich die Betroffenen bei den Provideren der Übeltäter beschwerten. Meistens hat es damit geendet, daß jemandem der Zugang gesperrt wurde. Die Netzgemeinschaft hatte dann Ruhe, bis er einen neuen Provider gefunden hatte. Doch dann tauchte eine neue Gattung von Netzverschmutzern auf, die ich hier mal Piraten nenne.
Diese Piraten (das ist keine offizelle Bezeichnung) wußten, daß man mit Werbung gut verdienen kann, und hatten das gewaltige Werbepotential im Usenet erkannt. Sie ließen deswegen an die Usenet-lose Bevölkerung derartige Anzeigen los:
Für nur XXX US$ können Sie ihre Werbung gezielt an Millionen von E-Mail Adressen versenden. Sonderpreise bei regelmäßiger Wiederholung der Sendung!
Weil die Piraten damit nicht schlecht verdienen (es gibt genug Leute die gewissenlos oder blöd genug sind, um darauf einzugehen) sind sie die Hauptkunden von gewissen Providern geworden. Damit verlieren sie auch nicht ihren Zugang, wenn sich jemand über ihr Spaming beschwert. Außerdem kaufen sie mit dem auf unsere Kosten verdienten Geld überall E-Mail Adressen auf, damit wird jeder im Internet ihr potentielles Opfer. (Wer hat noch nie für einen Download seine E-Mail Adresse eingetippt?)
Die Gemeinschaft des Usenets mußte sich also neue Gegenmaßnahmen überlegen, um sich der Spammer der 2. Stufe erwehren zu können. Leider waren diese auch nicht dumm und erstellten Gegengegenmaßnahmen:
Die Verteidiger des Usenets waren doppelt schwer getroffen:
Doch auch für dieses Problem fand die Gemeinschaft im Usenet eine Lösung.
Man bildete eine Schutzgemeinschaft und sperrte die Spammer aus. Doch dies liest sich einfacher als die Umsetzung jetzt langsam stattfindet.
Damit das eigene Gateway nicht mißbraucht werden kann, muß es mit einer Schutzvorrichtung dagegen versehen sein. Ebenso sollte man (wenn man es nicht tut, hat man nur selbst den Schaden) seinen Mailbox-Dienst durch Sperrlisten schützen. Entsprechende Listen werden von zentralen Stellen dieser Schutzgemeinschaft bereitgestellt und viele haben ihre Mailboxen so eingerichtet, daß sie sich automatisch mit neuen Listen versorgen.
Was steht aber auf diesen Listen? Die Adressen von den Computern, von denen man bestimmt keine E-Mail annehmen will, das sind:
Es sind also nicht alle E-Mail Gateways ohne Schutzvorrichtung auf der "schwarzen" Liste, sie müssen vorher auffallen, normaler Weise dadurch, daß ein Spammer sie mißbraucht. Auch dann kommen sie nicht sofort auf die Liste, zuvor werden ihre Betreiber über den Sachverhalt aufgeklärt und aufgefordert, den Schutz nachzurüsten. Verstreicht ein Ultimatum und es ist noch immer kein Schutz vorhanden, erscheinen sie auf der Liste. Zwar kann man durch späteres Nachrüsten wieder von der Liste verschwinden, aber das kann schon zu spät sein, falls ein Mailbox-Betreiber die alte Liste mit einem darauf verwendet und sich nie ein Update besorgt. An die Leute auf diesem Mailbox-Server kann man nie wieder eine E-Mail senden.
Was ist aber diese Schutzvorrichtung, über die ich jetzt schon so lange schreibe? Sie besteht hauptsächlich aus einem Satz Regeln im Programmcode des E-Mail Gateways:
Dabei bedeutet "einer von dir" in unserem Fall, daß der Absender bzw. Empfänger zum Netzwerk-Bereich des AltmuehlNets gehört.
Die Schwierigkeit mit der Schutzgemeinschaft ist, daß sie nur "Freund oder Feind" kennt. Und wenn man von ihr aufgerufen wird und nicht mit "Freund" antwortet, wird man garantiert nicht als Neutraler behandelt.
Unser Provider, die Netztech GmbH, hat die Schutzvorkehrungen umgesetzt und uns damit als "Freund" kennzeichnen lassen, wie es auch jeder andere verantwortungsbewußte Provider für uns hätte tun müssen. Wäre dies nicht passiert, könnten wir bald E-Mails nur noch an uns selbst versenden.
Wir haben einen gewissen Schutz gegen Spammer, die Schutzgemeinschaft betrachtet uns als "Freund" und wir können weiterhin nach überall E-Mails versenden. Wo ist da ein Problem für Mitglieder des AltmuehlNets ... die sich über Netztech einwählen? Ja, genau: Einwählen. Nur wer sich über Netztech einwählt kann überhaupt als einer von uns authentifiziert werden und nur diesen darf laut den Regeln der Schutzvorrichtung ein E-Mail Versandt über unser Gateway gestattet werden, ansonsten würden wir zum "Feind".
Was machen jetzt aber die Leute, die sich unbedingt über einen anderen Provider einwählen wollen, weil er besser, schneller, bunter ist? Sie haben drei Möglichkeiten:
Das ganze setzt natürlich voraus, daß es sich um einen ordentlichen Provider mit vollständigem Internetzugang und eigenem E-Mail Gateway handelt. Ist es dagegen ein Billig-Provider mit reinem Web-Zugriff (womöglich mit automatischen Werbeeinblendungen), dann funktioniert da sowas nicht. Es ist dann aber auch nicht der Billig-Provider schuld: Der liefert eben nur das, wofür man bezahlt!
Zum Schluß noch eine Anmerkung für diejenigen, die noch immer glauben, an Werbung über E-Mail wäre nichts schlimmers: Wieviel Werbe-Mails muß jeder Usenet-Benutzer jeden Tag verkraften können, ohne sich darüber aufzuregen?