Max Mannheimer                 Hauptseite

am 28. Januar 2000 im Pavillon der FOS u. BOS Ingolstadt

Die Häftlingsnummer

Sie möchten gern, dass sie den Menschen lösche
Und seinen Namen ins Vergessen trägt                         .
Verlorener Ruf, der keinen Hall erregt,
Ein grauer Strich auf einer grauen Fläche.

Ein windverwehtes Nichts in seiner Schwäche,
Vom Leben als Karteiblatt abgelegt,
Ein Schatten, wo sich sonst ein Herz bewegt,
Damit das Herz an dieser Zahl zerbreche.

Nichts kann dem dunklen Wollen Sieg verleihn.
Es nimmt die Nummer jeden an die Hand.
Als einer großen Kette dienend Glied,
Als voller Ton in unserem hohen Lied,                         Max Mannheimer und Frau Schärtel
das Millionen unzertrennbar band,
Das Lied: Ich war, ich bin, ich werde sein!


(Hasso Grabner in: Elling Hanna (Hrsg.), Mitten in tiefer Nacht, S.42).    

“ Max Mannheimer trägt sie, die Häftlingsnummer 99728 unauslöschlich eingebrannt auf seinem linken Unterarm...” (Beginn der Begrüßungsrede von Frau Schärtel) 

 

 

                        Schüler der   BOS/FOS Ingolstadt

 

        “Und was haben wir damit zu  tun?”

Wer heute mit jungen Leuten die einstigen Vernichtungslager  der Nationalsozialisten, die Gaskammern, die Krematorien besucht, wer ihnen erzählt, dass  Millionen unschuldiger Menschen "nur" wegen ihrer Rasse und religiösen  Überzeugung millionenfach umgebracht wurden, erntet nach ungläubigem Staunen  garantiert bald die etwas unwillige Frage: "und was haben wir damit zu tun?”. Der  80-jährige Max Mannheimer kennt die Antwort, wenn er von Schule zu Schule zieht und  erzählt, wie es damals war, als die "Herrenrasse" daran ging, die  "Untermenschen" systematisch zu liquidieren, als "Schmarotzer" und  "Parasiten" beseitigt werden sollten, als der Sieg des "arischen  Menschen" über die ganze Welt errungen werden sollte, als in Deutschland "ein  Volk, ein Reich, ein Führer" herrschte. Von einer Kollektivschuld über Generationen  hinweg will er nichts wissen. Er spricht nicht schuldig, er plädiert für Toleranz,  Zivilcourage und Versöhnung. Seine Erzählungen sind eine einzige Warnung vor radikalen  Tendenzen, die sich auch heute wieder unter jungen Leuten breit machen. Hassparolen gegen  Andersdenkende und Anderslebende dürfen nach Auschwitz keine Mehrheit mehr finden. Das  ist seine Botschaft. Die Botschaft eines Juden. Auch für uns Christen. Unser vorbildloses  Land braucht Männer wie Max Mannheimer.

 

       Endlich wieder lachen können.
Die Amerikaner befreiten 1945 die überlebenden Häftlinge aus dem
Konzentrationslager Dachau.

 

Beschaulich seinen Lebensabend zu  genießen ist Max Mannheimers Sache nicht. Sein Terminkalender, der unübersehbar auf dem Esstisch prangt, gleicht dem eines Managers. Ins Auge  stechen die wenigen weißen Felder, Tage, an denen einmal nichts eingetragen steht. Dabei  könnte sich Mannheimer, der am 6. Februar 2000  80 Jahre alt wurde, genüsslich seinem Hobby,  dem Malen, widmen, hätte er sich nicht seit Jahren einer Aufgabe verschrieben, die ihm  zum Lebensinhalt wurde. Mannheimer kennt wohl wie kein anderer Deutschlands Schulen von  innen. Seit 9. April 1986 erzählt der Überlebende der Konzentrationslager von Auschwitz und Dachau jungen Deutschen, wie es war und wie es nie wieder werden darf.

Max Mannheimer ist Jude, und als Künstler  signiert er mit "ben jakov", nach dem Namen seines Vaters. Von der siebenköpfigen Familie (Vater Jakob gest.2.2.43; Mutter Margarethe gest.2.2.43; Edgar, Erich gest.15.2 43; Max, Ernst gest. 7.3.43; Käthe gest. 25.2.43)  überstanden nur Max und sein  Bruder Edgar die Hölle von Auschwitz. An der Rampe sahen die beiden ihre Eltern, die Schwester und Mannheimers Frau zum letzten Mal. Sie wurden nach  rechts geschickt, in den Tod; die Brüder nach links, das stand für Zwangsarbeit und Krankheit.

 Ein  Held sei er nie gewesen, bekennt er heute. Vor dem Krieg riss er nur einmal sechs  Schilder mit der Aufschrift "Für Juden verboten" aus einer Rasenfläche, am  nächsten Tag waren sie wieder da. In Auschwitz wollte er schon nach dem ersten Appell in  den elektrischen Draht laufen. Die Frage des jüngeren Bruders, ob er ihn denn allein  lassen wolle, rettete ihm dort das Leben. Deshalb wählte sich Mannheimer später ein  Motto, das ihn selbst zum Handeln aufforderte. Das Wort von Bert Brecht "Wer kämpft,  kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren", ist ihm zum Motor seiner  Arbeit geworden. Diese ergab sich eigentlich mehr zufällig. Nach der Befreiung 1945 aus  einem Zugwaggon in Tutzing bei München wollte Mannheimer, der damals noch 37 Kilo wog,  nie wieder den Boden seiner Peiniger betreten. Doch er verliebte sich in eine Deutsche aus  sozialdemokratischem Elternhaus, die im Krieg britischen Gefangenen BBC-Informationen  zugesteckt hatte, und heiratete sie. Vom Verlust dieser früh verstorbenen Frau geprägt, schrieb  Mannheimer seine Auschwitz-Erlebnisse für die junge Tochter auf. Schreiben und Malen  halfen ihm, das Geschehene zu verarbeiten. Erst Jahrzehnte später folgte er, der auch  Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau ist, den Einladungen von Schulen, um seine  Geschichte jungen Leuten nahe zu bringen. Heute kann er ohne Beruhigungsmittel darüber  reden. Vor Jahren noch musste Mannheimer zeitweise das Klassenzimmer verlassen.  Unterdessen lasen die Lehrer die schlimmsten Passagen über die Selektion seiner  Angehörigen vor.

 

"Kollektivschuld gibt es nicht"

 

Weite Strecken  legt Mannheimer im Auto zurück und nimmt dafür eine "Hundemüdigkeit" in Kauf.  Im Sommer fährt er einen Tatra, einen silbrigen Oldtimer, Baujahr 1938, und zwölf  Kilometer von seinem Geburtsort in Mähren fabriziert. Eine Erinnerung an die Heimat, denn  bis vor dem NS-Terror hat er dort ein "glückliches Leben" geführt. Heute  kämpft Mannheimer nicht nur gegen das Vergessen, sondern auch gegen die Zeit, denn die  Überlebenden der nationalsozialistischen Konzentrationslager werden immer weniger.  Gewöhnlich verlangt er deshalb den größten Raum in einer Schule, die größtmögliche  Zahl an Schülern und das stärkste Mikrofon. Sein Gedächtnis ist präzise. Mit  Wochentag, Monat und Jahreszahl skizziert er die Stationen seines Lebens. Rachegelüste  sind ihm fremd, ebenso wie die Rolle eines Anklägers oder Richters. Einer jungen  Dachau-Besucherin, die sich bei ihm für die Gräuel in der NS-Zeit entschuldigte,  entgegnete er, Kollektivschuld gebe es nicht und immerhin schaue sie sich ja Dachau an.  Was für Mannheimer zählt, ist die Versöhnung zwischen Völkern, Parteien und  Religionen. Da nimmt er sogar die Israelis und Palästinenser nicht aus. Den jungen Leuten  in den Schulen  und Universitäten Deutschlands predigt er Toleranz, Humanität und Zivilcourage.  Demokratie gebe es nicht zum Nulltarif. Wenn einer von ihnen dann einmal ein Hakenkreuz  ausradiert, habe sein Auftritt etwas bewirkt, sagt er. Einem Schüler, der ihm in einem  Brief seine Schuldgefühle den Juden gegenüber schilderte, schickte Mannheimer, der Jude,  ein Buch über Widerstandskämpfer gegen Hitler. Der Junge engagiert sich seither in einer  Friedensorganisation. Die positive Resonanz der jungen Leute verleiht Mannheimer die  "zweite Luft", die ihn die Anstrengungen des Reisens vergessen lassen. "Es  ist, als ob man ein Tor im Fußball geschossen hätte." Und selbst auf die Frage  eines israelischen Politikers, warum er nicht im Heiligen Land lebe, kontert Mannheimer  hintersinnig: "Dort würde ich auf einem Bänkchen in einem Altersheim sitzen und auf  den Todesengel warten. Aber wer könnte in Deutschland besser das System der KZs erklären  und zur Versöhnung mahnen als ein Auschwitz-Überlebender?"

 

Max Mannheimer ist seit 1994 regelmäßiger Gast an der Staatl. FOS und BOS Ingolstadt. Er ist unermüdlich in Vorträgen, Diskussionen und Führungen durch die KZ-Gedenkstätte Dachau. Seit 1988 ist er Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau. In zahllosen Veranstaltungen, vor allem auch in vielen Schulen, leistet er die schmerzliche Arbeit der Erinnerung und ist so ein unentbehrlicher Streiter für unsere demokratische Kultur. Seine Erinnerungen sind als Videokassette zu erwerben oder in dem am 7. Februar 2000 erschienenen Buch Spätes Tagebuch nachzulesen.

 

Max Mannheimer (Künstlername: ben jakov) ist auch als Künstler tätig. Er benutzt seinen besonderen Stil, seine Ausdrucksweise dazu, um mit dem Betrachter seiner Werke in einen Dialog zu treten. Es ist vor allem die jüngere Generation, die er zu erreichen versucht.  

Uns hat er sicherlich erreicht !         

 

 

Der Maler vor seinem Werk

 

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Max Mannheimer bei der Übergabe des Bundesverdienstkreuzes
Erster Klasse durch Ministerpräsident Stoiber am 9.3.2000.
(Süddt. Zeitung, 10.03.2000)

weitere Ehrungen: 1990 Herzog - Heinrich - Medaille der Landeshauptstadt München
                            1993 Ritter der franz. Ehrenlegion
                            1994 Waldemar-v.-Knoeringen-Preis
                            1994 Bayer. Verdienstorden
                            1995 Benno - Preis des BDKJ München
                            1997 Bayerische Verfassungsmedaille
                            1997 Auschwitz - Kreuz des Präsidenten Polens
                            2000 Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der BRD

Quellenverzeichnis:

G. Binder, Geschichte im Zeitalter der Weltkriege, Band 1
München (Mosaik), Sonderausgabe 1990
Kirchenzeitung für das Bistum Eichstätt, Ausgabe 8/2000
Chronik des 20. Jahrhunderts, Harenberg-Verlag
Donaukurier vom 10.3.2000

 (Bearbeitet von Schmidl Lothar, 12 hTB)